Einen Stammbaum von über 600 Jahren hat die Thüringer Rostbratwurst. Schon damals liebte sie bestimmt einen Aufenthalt auf Holzkohlenfeuer um so richtig schön lecker braun zu werden, wie auch heute noch. Auf die urkundliche Ersterwähnung ihrer Urahnin im Kloster Anno Wurstus 1404 ist die Thüringer Wurst genauso stolz wie die Thüringer selber.
Ich beschloss einige dieser Würste, die wohl nicht umsonst von vielen die “Königin der Bratwürste” genannt werden, zu interviewen.
Ich traf eine kleine Familie Würste an ihrem bevorzugten Aufenthaltsort, dem Holzkohlengrill. Sie waren gerade dabei, sich noch einmal umzudrehen um überall ganz köstlich braun zu werden, bevor sie sich in die bereitgelegten Brötchen kuscheln konnten und sich eine Senfpackung genehmigen konnten.
“Eine Echte Thüringer Rostbratwurst besteht auf mindestens 51% thüringischen Produkten in ihrem Bauch, sonst ist sie nur eine “Bratwurst nach Thüringer Art”.” erklärte mir die erste wie aus der Pistole geschossen. Natürlich war sie stolz auf ihre lokale Bedeutung und ihre lokalen Gene.
“Wie ist denn das mit den Gewürzen in euch? Ihr riecht doch so lecker!” fragte ich weiter.
“Hilf mir mal beim Umdrehen!” sagte sie ablenkend. Hmmm… ich drehte und wartete, doch sie schwieg. “Und die Gewürze?” hakte ich nach.
“Unsere Gewürzgene, darüber reden wir nicht. Kann ja jeder kommen.” murmelte sie. Auch die Wurstologie konnte sie nicht richtig locken, aber sie drucksten nun etwas mehr herum… aber ihr thüringischer Akzent war nicht leicht für mich zu verstehen. Sie versuchte, mich abzulenken, indem sie anfing, unnachahmlich zu duften. Ich liess nicht locker: “Was macht euch denn nun alles so lecker?” Mein Magen fing an zu knurren.
Sie murmelte etwas wie “Knoblauch, Majoran” und vielleicht noch “Kümmel”. Sie hüpften vom Grill auf die Brötchen und wechselten das Thema, sie redeten lieber über ihren Spezialsenf, mit dem sie sich gerne parfümieren.
“Gib mir mal einen Löffel davon.” ich wollte noch etwas weiter nach den heimlichen Gewürzen bohren und überlegte wie. Dies schienen die cleveren Würstchen zu merken, schließlich waren sie ja Qualitätswürste, die sich nicht so leicht etwas vormachen lassen. Sie schwiegen und dufteten…
Um weiter vom Thema der geheimen Wurstgenetik abzulenken, holte eine Thüringer Rostbratwurst die Familienfotos heraus: “Sieh mal, wir haben Verwandte in Portugal, am Ende der Welt, kurz von Amerika!” Ich war baff und ignorierte Portugal als Ende der Welt und Amerika als noch dahinter und sah mir die Bilder von fröhlichen Thüringer Würsten im sonnigen Portugal am südwestlichsten Punkt Europas, dem Cabo de São Vicente.
Noch war ich nicht aus dem Staunen raus, da kam eine andere Thüringer Bratwurst mit weiteren Fotos, diesmal aus Vietnam. “Auch dort gibt es eine Kolonie Thüringer Rostbratwürste, sie vermehrt sich ständig!! ” sprudelte die kleine Thüringer neben mir. Fast wäre ihr vor Begeisterung der Senf vom braunen Köpfchen geklatscht.
Leider konnte sie mir nicht sagen, ob die Vietnamesen ihre Kollegen mit Stäbchen essen… aber sie erzählte mir, dass die Thüringer in Thüringen natürlich nicht Thüringer genannt werden, sondern in Ostthüringen Roster und ansonsten eben Bratwurst.
Also, ich konnte leider nicht mehr von den Würsten erfahren, denn sobald sie in ihrem Brötchen gelandet waren, kamen hungrige Passanten und verspeisten meine Interviewpartner… so ist das, wenn man mit Würsten redet.
Das letzte was sie mir hinterherrief war: “Über uns gibt’s sogar ein Museum!! Ist das nicht Klasse??”



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Der Wurstblog
Die gute Thüringer, wir lieben sie!
Ostern 1975 : nach einer frühen Frühlingsperiode kam ein plötzlicher Wintereinbruch.
Wir hatten zu unserem ersten DDR – Besuch bei einem Brieffreund ( nicht verwandt und nicht verschwägert ) nur sommerliche Kleidung im Gepäck und auch er war voll auf´s Grillen eingestellt. Wollte er uns doch die beste aller Rostbratwürste präsentieren.
Das tat er denn auch – draussen vor der Tür und wir sassen in der warmen Stube am Kachelofen . Er stand schirmgeschützt, behandschuht und bemützt und drehte die Würste des oben erwähnten Stammbaums…
Wir dankens ihm noch heute :-)
Ach ja – und in Portugal waren wir übrigens auch, haben uns das Diplom mit Wurst abgeholt und grinsten uns einen ob des passenden Dialektes der Bräterinnen ;-)
Verwurstelte Erinnerungsgrüsse :-))
*kicher* So’ne ähnliche Geschichte hatten wir auch mal mit Grillen… bloß nicht mit Thüringern, aber ich kanns mir deshalb sehr bildlich vorstellen
Das find ich aber oberspannend, dass ihr sogar dort in Portugal Wurst essen wart, aber von euch (damals) wars ja gar nicht sooo weit, oder?
Würstliche Grüße zuück!!
Monika